„Wie soll ich jemals einen Menschen loslassen können, wenn ich nicht einmal eine zu kleine Hose weggeben kann?“
Ich habe neulich meinen Kleiderschrank ausgemistet – und dabei ist mir etwas bewusst geworden: Wie soll ich jemals einen Menschen loslassen können, wenn es mir schon schwerfällt, eine zu enge Hose auszusortieren, aus der ich längst rausgewachsen bin? Warum fällt es mir so schwer, jemanden loszulassen, der nicht mehr zu meinem Leben passt? Sollte Loslassen nicht leichter sein als Festhalten?
Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es mir so schwerfällt, diese Ehe hinter mir zu lassen. Vielleicht, weil es keinen klaren Grund gab. Es war kein großer Streit, kein Betrug, kein dramatischer Schlussstrich. Es war einfach das leise, unaufhaltsame Auseinanderdriften zweier Menschen, die irgendwann aufgehört haben, sich wirklich zu sehen. Wir lebten nebeneinander her, funktionierten im Alltag, organisierten gemeinsam das Familienleben – aber wir waren kein Paar mehr. Und genau das machte es so schwer, zu gehen. Ich bin ein Mensch, der Dinge zu Ende bringt. Ich brauche Struktur, Gründe, Antworten. Und ich bin Stier. Ich ziehe Dinge durch. Aufzugeben ist für mich keine Option. Und doch war ich genau an diesem Punkt. Nur diesmal lag es nicht in meiner Hand.
Als mein Partner irgendwann sagte, dass er nicht mehr möchte, dass er sich ein Leben ohne mich besser vorstellen kann als ein gemeinsames Weitergehen, war das wie ein tiefer Schnitt. Ich habe diesen Moment bis heute nicht vergessen. Denn obwohl ich innerlich längst gespürt hatte, dass wir uns entfernt hatten, tat es unglaublich weh, es ausgesprochen zu hören. Es war dieser eine Satz, der alles verändert hat. Ich wusste sofort: Wenn mich jemand nicht mehr an seiner Seite haben will, kann ich nicht bleiben. Nicht aus Stolz. Nicht aus Trotz. Sondern weil ich mich als Priorität gesehen habe. Mein Herz hat sich für immer verschlossen und das wusste ihm bewusst. Damals waren die Wörter schneller als sein Herz.
Von außen ist es leicht zu sagen: „Lass los. Hör auf zu weinen. Schau nach vorn Flora.“
Aber die Menschen haben nur meine Tränen, meine Wut, meinen Schmerz gesehen– nicht die Geschichte dahinter. Nicht die Liebe, nicht die gemeinsamen Siege und Niederlagen. Nicht das Lachen bis tief in die Nacht. Sie sehen nicht, wie wir gemeinsam durch schwere Zeiten gegangen sind. Sie sehen nur das, was übrig blieb, als längst schon alles zerbrochen war. Nur die Trümmer. Nicht das, was einmal stand.
Dann kommen die Urteile. Warum ich so lange gebraucht habe, um loszulassen. Aber niemand sieht, was ich alles verloren habe. Nicht nur ihn. Auch einen Teil von mir. Ein Stück Zukunft, an das ich geglaubt habe. Für mich. Und für unsere Mozzarellakugel.
Die schwerste Rolle meines Lebens war es, als Mutter den Anschein zu wahren, dass alles in Ordnung ist, während in mir längst etwas zerbrach. Ich wusste es damals – dies war unser letzter Familienurlaub. Unser letztes gemeinsames Weihnachten. Unser letztes Bild als Familie, auf dem wir wie ein Team wirkten. Und ich wollte es festhalten. Mit aller Kraft.
Was dann kam, war wie ein Sturm. Der Umzug. Die organisatorischen Herausforderungen. Das emotionale Chaos. Die Nächte, in denen ich kein Auge zubekam, weil ich in Tränen ertrunken bin. Ich hatte das Gefühl, in meinem eigenen Leben unterzugehen. Ich fühlte mich wie eine Versagerin. Für mich selbst. Aber vor allem für mein Kind.
Ich bin jemand, der sich in ihrem Leben alles erarbeitet hat. Ich setze mir Ziele und erreiche sie. Ich lasse mich nicht unterkriegen egal was passiert. Und plötzlich stand ich vor dem Scherbenhaufen einer Ehe, die ich nicht retten konnte. Es fühlte sich an, als hätte ich das wichtigste Projekt meines Lebens nicht zu Ende gebracht. Und das ließ mich an mir selbst zweifeln. Tief und anhaltend.
Ich wollte meinem Sohn ein Zuhause geben, das stabil ist, liebevoll, geborgen. Ich wollte nicht, dass er das erlebt, was ich als Kind erlebt habe – diese stille, angespannte Traurigkeit hinter verschlossenen Türen. Ich erinnere mich bis heute daran, wie ich Menschen mit verweinten Augen gesehen habe. Ich spürte damals schon mehr, als gut für ein Kind ist. Ich hatte mir geschworen: Mein Kind soll das nie fühlen. Und doch kam ich an genau diesen Punkt. Ich wurde zu der Mutter, die innerlich zerbrach – und es kaum mehr verbergen konnte. Meine Tränen fließen.
Ich war erschöpft vom Aushalten, vom Erklären, vom Kämpfen und nach der Suche nach Antworten, die bis heute unbeantwortet geblieben sind. Gleichzeitig wollte ich stark sein, funktionieren, irgendwie überleben. Also arbeitete ich. Viel. Nicht, weil es nötig war. Sondern weil es mich gerettet hat. Die Arbeit hat mir Struktur gegeben. Einen Zweck. Eine Ablenkung. Wenn ich beschäftigt war, musste ich nicht fühlen. Und wenn ich nicht fühlte, konnte ich durchhalten.
Viele fragten mich, warum ich so viel arbeite, warum ich mich in so viele Projekte stürze, warum ich neue Sprachen lerne, mich mit neuen Aufgaben überfordere. Die Antwort ist einfach: Es ist meine Art zu überleben. Ich muss mich bewegen, ich muss lernen, ich muss leisten. Es sind vielleicht alte Trigger. Als Kind fühlte ich mich nicht genug. Als Ehefrau auch nicht. Jetzt, als Alleinerziehende, will ich mir selbst beweisen, dass ich es schaffe. Ich lenke mich ab – nicht, weil ich schwach bin. Sondern weil ich so stark bin, dass ich mir auf anderen Wegen wieder Stabilität schaffe.
Heute, mit etwas Abstand, bin ich sogar dankbar für seine Entscheidung.
Denn wie hätte ich als Kind Fahrradfahren gelernt, wenn mich niemand losgelassen hätte? Es tat weh. Es war beängstigend. Aber irgendwann kam die Akzeptanz. Und mit ihr das Bewusstsein, dass ich diesen Menschen nicht mehr an meiner Seite will. Nicht aus Hass. Nicht aus Wut. Sondern weil ich erkannt habe: Ich bin gewachsen. Und er auch. Nur in unterschiedliche Richtungen.
Wir müssen wohl beide unseren imaginären Kleiderschrank ausmisten.
Er war so lange mein Mensch. Ich habe zu ihm aufgesehen. Wir sind gemeinsam gewachsen. Aber wie bei meiner alten Jeans – wir sind rausgewachsen. Jeder für sich. Irgendwann hatten wir nicht mehr dieselben Träume, dieselben Ziele, dieselbe Sprache.
Ich erinnere mich gerne an die Zeiten, in denen ich mich in seinen Armen sicher gefühlt habe. Aber fast noch klarer erinnere ich mich an die Abende, an denen ich geweint habe. An die Nächte, in denen ich dachte, ich sei nicht genug. Vielleicht war er müde. Vielleicht überfordert. Vielleicht hat er einfach anders geliebt. Ich will keine Schuld verteilen. Wir wissen wir haben unser bestes gegeben und für unsere Mozzarellakugel sind wir immer noch verwachsen ineinander.
Jetzt, 16 Monate nach der Trennung, sitze ich hier und versuche, all das aufzuschreiben. Und ich merke, wie schwer es mir immer noch fällt. Nicht mehr so roh und unkontrolliert wie damals – aber die Gefühle sind noch da, spürbar, ehrlich, tief. Wenn ich lese, was ich vor einem Jahr geschrieben habe, erkenne ich mich kaum wieder. Da war so viel Stolz, so viel Enttäuschung, so viel Schmerz. Und doch: Es war echt. Es war meine Wahrheit – zu diesem Zeitpunkt.
Heute kann ich auch seine Sicht besser verstehen. Es hat Zeit gebraucht, Abstand, Reflexion. Meine Oma sagte immer: „Wer heilt, hat recht.“ Und genau das ist es. In unserem Fall hatten wir wohl beide recht. Wir sind beide auf unsere eigene Art dabei, zu heilen – jeder für sich, in seinem eigenen Tempo, auf seinem eigenen Weg.
Ich sehe mich heute mit anderen Augen. Ich sehe eine Frau, die gelernt hat, sich selbst wichtig zu nehmen. Die sich und ihrem Kind ein neues Zuhause geschaffen hat – vielleicht nicht perfekt, aber dafür ehrlich, sicher und voller Liebe. Eine Frau, die wieder lacht, auch wenn sie manchmal noch weint. Eine Frau, die sich nicht mehr schämt für das, was war, und die nicht mehr zulässt, dass das, was sie erlebt hat, ihren Wert bestimmt.
Ich bin nicht gescheitert. Ich bin gewachsen.
Ich bin nicht schwach. Ich bin menschlich.
Ich habe nicht verloren – ich habe ein neues Zuhause geschaffen. Nicht mehr zu dritt, aber zu zweit. Mein Sohn und ich – wir sind ein Team. Ein starkes, liebevolles Team. Vielleicht nicht das Bild, das ich mir früher einmal erträumt habe, aber genau das, was heute zählt: Wir.
Ich habe gehofft. Ich habe durchgehalten. Ich habe immer wieder das Gespräch gesucht, Themen angesprochen, gewartet, gehofft, dass sich etwas verändert. Am Ende haben wir einander nicht mehr wirklich verstanden. Und trotzdem schaffen wir es heute, uns als getrennte Menschen gegenseitig Kraft zu geben – nicht wie früher, aber auf eine Weise, die echt ist. Und dafür bin ich dankbar. Aufrichtig.
Ich habe ihn nicht über Nacht aufgehört zu lieben. Aber als er mir sagte, dass ich nicht mehr erwünscht bin, wusste ich: Jetzt muss ich mich selbst wählen. Es war der Moment, in dem ich erkannt habe, dass ich für mich losgehen muss. Dass mein Herz nicht bleiben kann, wo es nicht mehr willkommen ist.
Heute weiß ich: Wer mich nicht hören will, wird es auch nicht tun, selbst wenn ich schreie.
Aber wer mich wirklich verstehen will, hört mich – auch wenn ich schweige.
Das war nie mein Plan.
Ich wollte ein Zuhause. Mit zwei Eltern. Ein gemeinsames Team. Ich habe mich sehr bemüht, diesem Idealbild der perfekten Familie gerecht zu werden – und habe dabei meine eigenen Gefühle lange auf die Ersatzbank gesetzt.
Und doch sehe ich heute klarer.
Nicht, weil alles plötzlich leicht ist. Sondern, weil ich gelernt habe, dass meine Wahrheit, mein Wert und meine Stärke nicht davon abhängen, ob ich ein Bild erfülle.
Ich bin heute Mutter – ohne den Ehemann an meiner Seite. Und ich erkenne, dass diese Erfahrung zu den stärksten, ehrlichsten und erfüllendsten meines Lebens gehört. Nicht, weil sie einfach war. Sondern weil sie mich zu mir selbst geführt hat.
Die schwerste Zeit meines Lebens war eine andere – meine Krankheit, mein Weg zur Heilung. Doch diese Trennung, dieser Neuanfang, war einer der ehrlichsten Prüfsteine meines Herzens. Vielleicht habe ich nicht mehr das Team, das ich mir für mein Kind gewünscht habe – aber ich habe ihn.
Er ist mein Team. Er ist mein Zuhause.
Mein perfektes Zuhause.
Und das ist mehr als genug.

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