Mittwoch, 25. März 2026

Schiefe Möbel, große Gefühle und Wein aus Müslischüsseln

 

Das Jahr 2025 begann für mich nicht erst im Januar, sondern in dem Moment, in dem ich die ersten Kartons in die neue Wohnung trug. Es war Winter, es war kalt, und ich schleppte nicht nur mein Leben von A nach B, sondern auch eine Traurigkeit, die sich nicht wegorganisieren ließ. Schon damals liefen mir die Tränen, während ich funktionierte. Im Februar zog ich endgültig um, und mit mir zog eine Stille ein, die ich so nicht kannte. Alleinsein bekam plötzlich ein Gewicht.

Als Stier habe ich immer geglaubt, dass Kontrolle Sicherheit bedeutet. Ich habe geplant, organisiert, vorausgedacht. Ich wusste, was als Nächstes kommt, und darauf konnte ich mich verlassen. Dieses Jahr hat mir genau das genommen. Schritt für Schritt, leise, aber konsequent. Die neue Wohnung war nicht nur ein Ortswechsel, sondern ein innerer Umbruch. Alte Muster wurden sichtbar, emotionale Abhängigkeiten, die ich lange übersehen oder entschuldigt hatte. Loslassen fühlte sich nicht nach Freiheit an, sondern nach Kontrollverlust – und genau das machte es so schwer.

Gleichzeitig begann dieses Jahr mit meinem ganz persönlichen Beweisdrang. Ich wollte zeigen, dass ich alles alleine kann. Wirklich alles. Ich baute Schränke falsch zusammen – natürlich erst, nachdem ich sie voller Überzeugung montiert hatte – bekam einen Stromschlag, weil nach Hilfe fragen keine Option war, und erklärte mir innerlich, dass Scheitern keine Alternative ist. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich stark bin. Dass ich niemanden brauche. Dass ich als Mutter alles halte, alles schaffe, alles trage.

Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich dieses Leben auch ohne Bedienungsanleitung schaffe. Dass ich Möbel aufbauen kann, Entscheidungen treffe und Verantwortung trage, ohne jemanden zu brauchen, der sagt, wie es geht. Hilfe annehmen fühlte sich nach Abkürzung an – und ich wollte den ganzen Weg gehen. Also stand ich zwischen schiefen Regalen, Kartons und Ehrgeiz, trank Wein aus einer Müslischüssel und.dachte mir: Ich werde das überleben. Vielleicht nicht elegant. Aber lebendig.

Selbst Lego bauen mit meinem Kind wurde überraschend zum inneren Großprojekt. Früher war es eben ein Männer Ding. Ein winziges Teil war falsch angebracht – kaum sichtbar, aber emotional eine Katastrophe. Plötzlich stand nicht nur das Lego, sondern mein gesamtes Selbstbild auf dem Spiel. Ich schwankte irgendwo zwischen ehrgeizigem Durchhalten, leiser Verzweiflung und dem starken Bedürfnis, dieses eine Teil jetzt verdammt nochmal richtig einzubauen. Nicht wegen des Legos. Sondern weil es sich anfühlte wie eine Lebensfrage: Ich schaffe das. Für mich. Für meine Mozzarellakugel. Für den inneren Frieden.

Während ich all das versuchte zu kontrollieren, passierte das Leben einfach weiter. Ich traf Menschen. Viele. Fremde Persönlichkeiten, kurze Begegnungen, ehrliche Gespräche. Nicht alle blieben, aber jeder hinterließ etwas. Manche Leichtigkeit. Manche Erkenntnis. Manche einfach das Gefühl, zur richtigen Zeit nicht allein gewesen zu sein.

Zwischen all dem bin ich gereist. Nicht um Ordnung zu schaffen, sondern um mich selbst wieder zu spüren. Spontane Entscheidungen, Momente aus dem Bauch heraus. Augenblicke, in denen mein Herz laut „Aha!“ rief. Kontrolle loslassen – so fühlt sich das also an. Ich sprang ins kalte Wasser, ohne zu wissen, ob ich schwimme oder untergehe. Spoiler: Ich schluckte viel Wasser. Sehr viel. Und ja, manchmal wäre es sicherer gewesen, mir Schwimmflügel aufzupusten. Aber dieses Jahr war zu wild, zu dynamisch, zu schnell. Ich hatte kaum Zeit, stehen zu bleiben.

Das Jahr 2025 war voller Emotionen, die ich in dieser Intensität nicht kannte. In meinem Herzen tanzten Wut und Freude miteinander, manchmal gleichzeitig, manchmal so widersprüchlich, dass ich mich selbst kaum wiedererkannte. Es war laut in mir, ungeordnet, lebendig. Und ja – ich habe mich gefragt, ob das noch normal ist oder ob ich verrückt geworden bin.

Dann gab es diesen Moment, der alles langsamer machte. Unter meiner Aufsicht hat meine Mozzarellakugel den Arm gebrochen, plötzlich ein Warten, ein Aushalten, ein Dasein. Für die Welt vielleicht nur ein kurzer Einschnitt, für mich ein Moment, in dem mir bewusst wurde, wie wenig sich manches planen lässt. Mein Mutterherz ist gebrochen. Ich saß da mit all meiner Liebe, meiner Sorge und dem Wunsch, alles abnehmen zu können – und musste akzeptieren, dass es Situationen gibt, in denen Präsenz wichtiger ist als Kontrolle. Das war ungewohnt. Und es war schwer.Letzendlich wurde ich durch mein Kind getragen. Er fragte mich am nächsten Tag, ob ich auch einen Gips brauchen würde für mein Herz und mir wurde bewusst wieder, wie viel diese kleine Seele täglich aufsaugt.

Gerade in dieser Zeit begann ich, mich anders zu sehen. Nicht als die, die immer alles zusammenhält, sondern als Mensch, der fühlen darf. Ich verstand, dass Sicherheit nicht daraus entsteht, alles im Griff zu haben, sondern daraus, da zu bleiben, auch wenn man nichts lösen kann. Dass Gefühle kein Zeichen von Schwäche sind. Dass Wut, Freude, Angst und Hoffnung nebeneinander existieren dürfen. Dass ich nicht verrückt war – sondern offen.

Und als wäre all das noch nicht genug, musste ich auch beruflich meinen Weg neu sortieren. Spontan. Ungeplant. Ich stand da wie einbetoniert. Ich, die immer gemacht hat. Die sich in Arbeit verloren hat. Die genau das gebraucht hat, um sich sicher und wertvoll zu fühlen. Diesen Ballast loszulassen war schlimmer, als ich gedacht hätte. Es tat weh. Es riss etwas auf. Und gleichzeitig öffnete sich etwas Neues. Ich hätte nie gedacht, dass eine andere Entscheidung mein Herz so viel weiter machen kann. Aber hier bin ich. Und es wächst.

Heute glaube ich, dass das Leben immer einen Plan hat – auch wenn er selten geradlinig verläuft. Manchmal nimmt es Umwege. Manchmal schickt es Menschen nur für ein Stück des Weges. Manche bleiben. Manche gehen. Ich war nie gut im Loslassen. Ich halte fest, oft viel zu lange, an dem, was einmal war. Dieses Jahr hat mich genau darin geprüft. Es hat mir Dinge genommen, bevor ich bereit war, und mir gezeigt, dass Gehenlassen nicht bedeutet, zu verlieren, sondern Platz zu schaffen.

 

Ich habe dieses Chaos überlebt. Die falschen Entscheidungen. Die Tränen. Die schiefen Möbel. Die inneren Kämpfe. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich dabei etwas erschaffen. Ein Leben, das nicht perfekt ist, aber echt. Einen Raum, in dem ich atmen kann. Einen Alltag, der mir gehört.

Jetzt möchte ich mich zurücklehnen. Nicht mehr alles planen. Nicht mehr alles organisieren. Nicht mehr alles absichern. Ich möchte ankommen. Ich möchte genießen, was ich mir aufgebaut habe. Und vielleicht zum ersten Mal einfach eine Umarmung annehmen, ohne zu überlegen, ob ich sie brauche oder verdiene.

Ich bin bereit.
Bereit, dem Leben zu vertrauen.
Bereit, mich überraschen zu lassen.

Und alles, was zu mir kommen will, werde ich mit offenen Armen empfangen.

2026 wird spannend. Ich habe keine Ziele, keine Vorsätze. Die AGBs hätte ich gern gelesen, aber anscheinend ist das kein Feature. Also Kontrolle abgeben, tief durchatmen und einfach mal mitfahren.

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